Selbstständigkeit ist nicht selbstverständlich

Die Schulen sind geschlossen. “Die Kinder müssen jetzt eben selbstständig arbeiten”, heißt es — als wäre das selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Eigenständiges Lernen zu begleiten und zu fördern ist schwierig — das wissen wir an der OPENschool, weil wir es auch zu “Normalzeiten” schon getan haben; und wir lernen immer noch jeden Tag Neues dazu.

Einige Dinge, die wir gelernt haben:

  • Schüler/innen brauchen Zeit, um eigenständig arbeiten zu lernen. In dieser Zeit scheint inhaltlich oft wenig weiterzugehen, aber das heißt nicht, dass sie umsonst ist. Im Gegenteil: Selbst und selbstverantwortlich lernen zu können ist wahrscheinlich die wertvollste Fertigkeit, die sich ein junger Mensch aneignen kann. Zu akzeptieren, dass die meisten Schüler/innen derzeit vor allem daran arbeiten (und daher vielleicht weniger “Stoff” bewältigen als erwartet) ist die Minimalanforderung an Lehrkräfte derzeit.

 

  • Schüler/innen lernen in unterschiedlichem Tempo und beginnen mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Das ist immer so — aber jetzt wird es auffälliger als im herkömmlichen Schulunterricht, wo man durch die Simultanbespielung ganzer Klassen immer noch oft die Illusion eines gemeinsamen Fortschritts herstellt. Wir brauchen also Materialien, die den Schüler/innen je nach Bedarf unterschiedliche Lernpfade anbieten — und Dokumentationsmethoden, die diese individuellen Lernwege abbilden können, ohne z.B. Schüler/innen dafür zu bestrafen, dass sie “zu viel Zeit” auf die Erarbeitung einer Kompetenz verwendet haben.

 

  • Wenn Schüler/innen asynchron arbeiten, brauchen sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten Unterstützung und Erklärungen. Das heißt einerseits, dass wir unsere Materialien möglichst selbsterklärend gestalten müssen — und wo immer möglich unterschiedliche Arten der Erarbeitung anbieten, von Erklärvideos über Schulbücher bis hin zu Lern-Apps — und andererseits bedeutet das, dass sich die Rolle der Lehrer/innen ändert.

 

  • Eigenständig lernende Schüler/innen brauchen Support-Personal. Lehrer/innen werden zu Coaches, die Schüler/innen zeitnah technisch und moralisch unterstützen, Fragen beantworten und ihre jeweils individuellen Lernwege begleiten. Das “Dozieren vor der Gruppe” entfällt größtenteils — das übernehmen unsere Materialien. Dadurch bleibt mehr Zeit dafür, mit den Schüler/innen individuell ihre eigene Arbeit zu besprechen.

 

  • Das ist nur zu bewältigen, wenn die Lehrer/innen in einem Klassenteam sich die Betreuung der einzelnen Schüler/innen untereinander aufteilen. An der OPENschool ist z.B. jeder Coach für 10 Schüler/innen hauptverantwortlich. “Wir unterrichten Schüler/innen, keine Fächer” — auch wenn wir natürlich weiterhin Ansprechpersonen für unsere jeweiligen Fachgebiete sind.

 

  • Die vielleicht wichtigste Voraussetzung für selbstständiges Arbeiten ist Motivation. Auch das wird momentan besonders deutlich: Es war für Schüler/innen noch nie so einfach, sich dem schulischen Zwang zu entziehen. Wir sind also als Lehrer/innen darauf angewiesen, dass entweder die Eltern disziplinierend eingreifen (bitte nicht) oder dass die Schüler/innen intrinsische Motivation zum Arbeiten entwickeln.

 

  • Eine zentrale Bedingung für Motivation ist Autonomie, also die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen (Ryan & Deci 2000). Das bedeutet mehr, als den Schüler/innen nur die Wahl zu geben, wann sie sich womit beschäftigen. An der OPENschool bieten wir täglich mehrere fächerübergreifende Workshops zu unterschiedlichsten Themen an, wobei wir auch externe Angebote einbinden (z.B. die Online-Unterrichtsstunden von PolEdu) und diese begleiten. Schüler/innen können Workshops vorschlagen und eigene Projekte durchführen; ihre Coaches behalten den Überblick darüber, welche Workshops und Projekte aus welchen Bereichen die Schüler/innen bereits erledigt haben. Dadurch sorgen wir dafür, dass sich die Schüler/innen mit vielfältigen Dingen beschäftigen und den Kernstoff des Lehrplans abdecken, ohne dass sich alle gleichzeitig in derselben Intensität mit denselben Dingen beschäftigen müssen. Diese Herangehensweise ermöglicht es den Schüler/innen auch, ihre Stärken zu entwickeln und durchaus auch einmal einen ganzen Tag lang oder mehr intensiv an einem vielversprechenden Projekt zu arbeiten.

 

  • Hierzu gehört auch der letzte und vielleicht wichtigste Punkt: die Wertschätzung. Statt die Schüler/innen danach zu beurteilen, welche vorgegebenen Kästchen sie nicht “abgehakt” haben, bestärken wir sie in ihrem eigenen Engagement und ihren eigenen Interessen. Während des “normalen” Schulbetriebs hatten wir eine tägliche Projektzeit eingeplant — derzeit ermutigen wir die Schüler/innen dazu, auch etwa ihre praktischen Tätigkeiten im Haushalt, die Umgestaltung ihrer Wohn- und Arbeitsräume, die Betreuung jüngerer Geschwister usw. zu reflektieren, zu dokumentieren und als Projekt zu verbuchen, das wir dann auch in die Benotung einfließen lassen. (So lange Schulnoten bei uns so viel Wichtigkeit zugeschrieben wird, können wir sie zumindest als Werkzeug der Wertschätzung nutzen.) Statt ihnen das Gefühl zu geben, sie kämen dadurch nicht zum “eigentlichen Lernen”, unterstützen wir unsere Schüler/innen lieber dabei, am Leben zu lernen.

 

All das passiert nicht von selbst — auch bei uns nicht. Die Bedingungen für selbstständiges Lernen zu schaffen und Schüler/innen dabei zu begleiten ist eine Herausforderung, eine Umstellung und immer wieder auch beängstigend. Aber wir können aus Erfahrung sagen: Es lohnt sich — und das nicht nur, weil wir derzeit ohnehin keine andere Wahl haben.

Für Schulen und Teams, die in ähnliche Richtungen gehen wollen, stehen wir gerne als Ansprechpartner zur Verfügung. Unsere Lernbüro-Materialien sind unter freier Lizenz hier verfügbar.

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