Schule Danach

Ein Negativbild vorab:

Stellen Sie sich Kinder vor, die jetzt zurück in die Schule kommen. Sie kommen aus unterschiedlichsten Umgebungen zu Hause — manche entspannt, manche frustriert, manche extrem belastet. In der Schule herrscht eine Atmosphäre der Angst: Wer einem Freund oder einer Freundin zu nahe kommt, wird angeschrien. Die Lehrer/innen fordern höchste Disziplin: Nicht nur um die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen einzuhalten, sondern auch um den versäumten Stoff nachzuholen. “Wir haben so viel Zeit verloren, jetzt müsst ihr euch aber ranhalten!” Zu der Angst vor dem Virus kommt die Angst der Schüler/innen um die Noten, die Angst der Lehrer/innen um die Disziplin.

Machen wir uns nichts vor: Das wird der Normalfall sein — wenn wir nicht aktiv gegensteuern. Wir, das sind in diesem Fall besonders die Lehrer/innen direkt vor Ort, aber auch die Schulleitungen und die Schulverwaltung. Wir müssen uns darüber klar werden, dass in der „Schule danach“ nicht der Stoff oder die Leistungen der Schüler/innen im Mittelpunkt stehen dürfen, sondern das, was die Kinder jetzt am meisten brauchen.

Wir alle haben ein Trauma durchgestanden. Für manche fühlt es sich vielleicht (noch) nicht so an; für manche war es schlimmer als für andere. Auch diejenigen Kinder, die es zu Hause “eh recht gemütlich” hatten, mussten miterleben, wie die gesamte Gesellschaft um sie herum in eine Schockstarre verfiel, wie Selbstverständlichkeiten sich in Luft auflösten, wie plötzlich niemand mehr wusste, wie es nächste oder übernächste Woche weitergehen wird.

Was bedeutet das für die Schule danach? Erstens, dass niemand erwarten darf, dass die Schüler/innen danach wie gewohnt “funktionieren”. So sehr wir uns alle eine Rückkehr zur Normalität wünschen: Wenn wir versuchen, durch das Anlegen der gleichen Erwartungen diese “Normalität” herzustellen, richten wir damit nur noch mehr Schaden an. Das, was die Schüler/innen durchlebt haben, war keine “Pause”. Das waren keine Ferien. Die Schüler/innen jetzt im gewohnten Tempo weitertreiben zu wollen — oder vielleicht sogar schneller, um aufzuholen — ist wie Beschleunigen, wenn der Reifen geplatzt ist.

Zweitens sollte in den Schulen aktive Traumabewältigung stattfinden. Das ist etwas, das wir normalerweise nicht tun; es steht nirgendwo im Lehrplan; vielen wird es auf den ersten Blick vielleicht gefühlsduselig oder überempfindlich vorkommen. Doch Trauma-Arbeit wirkt; besonders in den USA wurden (aus traurig offensichtlichen Gründen) effektive Programme entwickelt, um Schüler/innen und auch Lehrer/innen nach einem kollektiven Trauma zu unterstützen (z.B. das HEARTS-Programm der UCSF). Diese für den Gebrauch an österreichischen Schulen anzupassen oder vergleichbare Aktionspläne zu erstellen ist eine Aufgabe, die über einzelne Lehrer/innen hinausgeht — hier wären Schulverwaltung, PHs oder Ministerium gefragt.

Etwas kleiner gedacht: Stabile Kleingruppen, die von höchstens 3-5 Lehrer/innen betreut werden, sind nicht nur epidemiologisch sinnvoll sondern reduzieren auch schulische Angst und Stress. Eine Rückkehr zur 50-Minuten-Taktung mit ständig wechselnden Lehrer/innen und teils sogar unterschiedlichen Gruppenzusammensetzungen wäre daher völlig verfehlt. — Die Mindestanforderung aber ist auch hier wiederum, zu der ausgestandenen Angst während der Krise nicht auch noch die Angst um Schulnoten, Prüfungen, nachzuholenden Stoff usw. hinzuzufügen. Es liegt in der Verantwortung des pädagogischen Teams, den Schüler/innen sozial, emotional und inhaltlich wieder auf die Beine zu helfen. Es liegt nicht in der Verantwortung der Schüler/innen, ihre erzwungene Abwesenheit jetzt „wiedergutzumachen“. Wer jetzt denkt, „Wie soll die Schule das auch noch leisten?“ muss umdenken: Das muss die Schule jetzt vor allem leisten; das ist jetzt unsere Kernaufgabe, kein optionales Zusatzangebot.

Damit kommen wir zum dritten großen Punkt. Vielen ist jetzt während des Fernunterrichts aufgefallen, welche wichtigen Funktionen Schule abseits von Wissensvermittlung noch erfüllt. Die Schule als Schutzraum, als Raum für soziale Interaktionen, als Raum für Erfahrungen und vertrauensvolle Beziehungen außerhalb der Familie wurde viel genannt — oft auch als Argument dafür, wieso Schulen möglichst bald wieder für alle geöffnet werden sollten.

Die „Schule danach“ sollte genau diese Dinge, die jetzt fehlen, in den Mittelpunkt stellen. Auch das ist nicht selbstverständlich; das meiste davon fand bisher an Schulen eher „trotz des Unterrichts“ statt, wurde bestenfalls geduldet, aber nur selten aktiv gefördert. Wenn die Schule ein Schutzraum sein will, muss sie zumindest ein angenehmer Lebensraum sein, der Platz für verschiedene Bedürfnisse bietet — für Bewegung und gemeinsame Ausgelassenheit ebenso wie für Alleinsein und Ruhe. Das alles sind Dinge, die in der Schule bisher oft gezielt unterbunden wurden, und die den Schüler/innen aber gerade jetzt besonders fehlen.

Schule als Schutzraum bedeutet auch, dass Lehrer/innen sich mehr als bisher als persönliche Ansprechpartner/innen für Schüler/innen sehen müssen — als Vertrauenspersonen, die auch nicht alles immer gleich an die Eltern weiterleiten. In der Schule danach ist mehr Empathie als Disziplin gefragt, mehr Persönlichkeitsbildung als Lehrstoff, mehr Coaching als Belehrung. Auch hier gilt wieder: Das ist nicht „noch eine zusätzliche Zumutung“ für Lehrkräfte, sondern etwas, das wir spätestens jetzt als unsere zentrale Aufgabe verstehen müssen.

Wie schaffen wir das?

Wir schaffen das, indem wir den Schüler/innen von Anfang an vermitteln: Wir sind für euch da. Das geht am besten, wenn wir kleine Gruppen bilden und jeweils eine Lehrkraft als Ansprechperson für höchstens 10-12 Schüler/innen dient. So sind persönliche Gespräche auch unter Wahrung des Sicherheitsabstands möglich, ohne dass währenddessen eine ganze Klasse “unter Kontrolle gehalten” werden muss.

Wir schaffen das, indem wir in der Schule Räume oder Winkel zum Alleinsein zur Verfügung stellen. Das braucht Vertrauen, aber vielleicht haben wir ja während der Zeit des Fernunterrichts gemerkt, dass wir den meisten unserer Schüler/innen durchaus auch ohne ständige Überwachung vertrauen können. Und wenn jede Lehrkraft für nicht mehr als 12 Schüler/innen zuständig ist, ist es einfach, den Überblick zu behalten.

Wir schaffen das, indem wir in der Schule das Erlebte besprechen und reflektieren — ohne Zwang zum Teilen, aber mit viel Zeit für Gespräche zwischen Schüler/innen. Wenn in der “Unterrichtszeit” in Paaren oder Kleingruppen geplaudert wird (ja, mit Sicherheitsabstand), ist das weder verlorene Zeit noch ein Mangel an Disziplin. Es ist genau das, was die Schüler/innen jetzt brauchen.

Wir schaffen das, indem wir wertschätzen und anerkennen, was die Schüler/innen in dieser Zeit geleistet haben. Das ist einerseits die Bewältigung der schulischen Aufgaben zu Hause — selbstständiges Lernen ist harte Arbeit! — aber andererseits auch alles, was die Schüler/innen darüber hinaus getan haben. Wer im Haushalt geholfen oder jüngere Geschwister betreut hat, hat viel gelernt. Wenn wir die Zeit in der Schule dazu nützen, darüber zu reden und zu reflektieren, stellen wir damit klar, dass das wertvolle Arbeit war, und nicht nur eine Ablenkung vom “eigentlichen Lernen” — und die anderen Schüler/innen können ebenfalls von den Erfahrungen ihrer Kolleg/innen profitieren. Wer sich einen eigenen Arbeitsplatz eingerichtet oder beim Umstellen der Wohnung mitgeholfen hat — so viel umgeräumt wie während der letzten Monate wurde in Österreich wohl noch nie — hat damit ohne es zu wissen gleich Lehrplanpunkte aus vier verschiedenen Unterrichtsfächern abgedeckt. Das können wir hereinholen, es würdigen und darauf aufbauen.

Und wir schaffen das, indem wir hinaus gehen. In kleinen Gruppen, dafür für längere Zeit. Die meisten Schüler/innen haben die Welt lange genug nur von innen gesehen. Wenn im Schulhof kein Platz ist, suchen wir wenig genutzte Freiflächen, lassen uns (mit Sicherheitsabstand) nieder und unterhalten uns dort. Wir suchen sichere Routen in der Schulumgebung und gehen spazieren. Wir laufen (mit Sicherheitsabstand) Runden am Fußballplatz. Und wir gehen nicht nach 50 Minuten wieder zurück in die Klasse.

Was jetzt zählt, ist nicht der Stundenplan und nicht die Unterrichtsfächer — sondern das, was den Kindern in dieser Zeit gefehlt hat: Gemeinschaft, Bewegung und ein Ort zum Wohlfühlen, der nicht das eigene Zuhause ist.

Das schaffen wir.

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